Tolerierst du noch, akzeptierst du nur, oder verstehst du schon? Teste dich selber!

01.04.2021 10:10 / Oliver Wittwer / 143
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Die Art wie Menschen mit anderen Ansichten umgehen, kann sehr unterschiedlich sein: Das Spektrum reicht vom bekämpfen andersdenkender Menschen oder Menschengruppen, über das Tolerieren, das Akzeptieren bis hin zu Verständnis für abweichende Ansichten.

Das Bekämpfen ist die primitivste Art und sie geht von verbal mundtot machen oder ausgrenzen bis hin zu körperlichem angreifen oder sogar töten von Andersdenkenden. 

Das Tolerieren ist ebenfalls eine eher primitive Art, mit anderen Ansichten umzugehen. Der Begriff "tolerieren" leitet sich aus dem lateinischen Begriff tolerare ("erdulden", "ertragen") ab. Alleine die Tatsache, eine andere Ansicht zu "erdulden" oder zu "ertragen", zeigt, dass man diese abweichende Ansicht als Gefahr oder zumindest für eine verachtens- oder ablehnenswerte Ansicht haltet: Die abweichende Ansicht wird als Feindbild betrachtet, wobei man den Menschen, der diese Ansicht vertritt, zumindest nicht bekämpft, wohl aber wird dabei die abweichende Ansicht bekämpft oder zumindest komplett negiert. Eine Auseinandersetzung mit der abweichenden Ansicht verbietet man sich kategorisch. 

Beim Akzeptieren ist weit weniger Aggressivität im Spiel als beim Tolerieren oder Bekämpfen. Abweichende Ansichten oder andersdenkende Menschen werden nicht mehr bekämpft. Der andersdenkende Mensch wird auch nicht mehr grundsätzlich kategorisch abgelehnt, die abweichende Ansicht jedoch schon. Eine sachliche oder inhaltliche Auseinandersetzung mit der Ansicht an sich findet beim Akzeptieren daher ebenfalls nicht statt. 

Das Verstehen unterscheidet sich grundlegend von den vorher beschriebenen Arten des Umgangs mit abweichenden Ansichten. Denn Verständnis einer Sache oder einer Person gegenüber kann man erst entwickeln, wenn man diese Sache wirklich angeschaut oder sich in einen Menschen mit einer anderen Ansicht hineinversetzt hat. Und das kann man nur, wenn man nicht in starren eigenen Ansichten verharrt. Das erfordert ein leider relativ selten vorhandener Grad an charakterlicher Reife. Ein Mensch mit einer solchen Reife ist in der Lage, seine eigenen Ansichten in Frage zu stellen. Und er kann, sofern sinnvoll oder angebracht, seine eigenen Ansichten korrigieren oder erweitern. Ohne diese Voraussetzungen ist echtes Verständnis nicht möglich. Ein "offenes Weltbild" ist die Voraussetzung dafür. 

Das Verständnis von "Weltbildern" und deren Wirkungsweisen ist essenziell, um zu verstehen, wieso Menschen so unterschiedlich auf abweichende Ansichten reagieren.

Jeder Mensch hat ein Weltbild. Ein Weltbild ist die Gesamtheit der Glaubenssätze, die jemand über die Dinge der Welt besitzt. Glaubenssätze sind einerseits die grundlegenden Annahmen über die Beschaffenheit der Welt und der Dinge darin, die in der Regel nicht in Frage gestellt werden (dürfen). Sie sind vergleichbar mit den Axiomen in der Mathematik. Andererseits gehören zu den Glaubenssätzen auch das vermeintliche Wissen, also die gelernten oder geglaubten angebliche "Fakten" in allen möglichen Lebensbereichen. Meistens wird dieses vermeintliche Wissen im Laufe eines Lebens unreflektiert angehäuft und in das Weltbild integriert, ohne es zuvor auf seinen Wahrheitsgehalt hin zu überprüfen. Und dann gibt es aber auch die eigenen Erfahrungen oder tatsächlich überprüften Fakten, die ebenfalls Teil eines Weltbildes sein können. 

Um den Themenkomplex der Weltbilder und deren Implikationen auf unser Leben eingehend zu beleuchten und zu erfassen, wären wochenfüllende Workshops nötig. Eine der wichtigsten Erkenntnisse in diesem Zusammenhang sei hier vorweg genommen: "In einem geschlossenen Weltbild können wir nur das als 'wahr' akzeptieren, was mit den Axiomen unseres Weltbildes verträglich ist. Anders ausgedrückt: "Wir sehen und erkennen nur, was wir glauben". 

Wenn Menschen mit der Fähigkeit, echtes Verständnis aufzubringen, ein offenes Weltbild haben, dann folgt im Umkehrschluss, dass Menschen, die nur "tolerieren" oder lediglich "akzeptieren", ein mehr oder weniger geschlossenes Weltbild besitzen.

Was ist ein geschlossenes Weltbild? 

Ein Mensch mit einem geschlossenen Weltbild geht davon aus, dass seine grundlegenden Annahmen über die Welt, die von ihm in der Regel unbewusst und unreflektiert als Wissen empfunden werden, grundsätzlich unveränderlich sind. Ein paar Beispiele gängiger Glaubenssätze: "Es gibt keinen Gott", "Demokratie ist die beste Regierungsform", "Medizin hilft uns, gesund zu bleiben oder gesund zu werden", "Menschen mit dieser oder jener Eigenschaft sind ...", "Wenn Experten das sagen, dann ist das so, schliesslich haben sie sich intensiv mit dieser Thematik auseinandergesetzt", usw.

Die Crux dabei ist, dass Menschen mit einem geschlossenen Weltbild fest davon ausgehen, dass es sich (bei ihren Glaubenssätzen) in grundlegenden Bereichen um gesichertes Wissen handelt. Wissen wird mit Glauben verwechselt. In Wirklichkeit besitzen wir kaum echtes Wissen, es handelt sich beim vermeintlichen Wissen lediglich um mehrfach bestätigte Beobachtungen oder Erfahrungen. Auch hier spielen unbewusste Mechanismen eine wsentliche Rolle: Das Unterbewusstsein neigt stark dazu, Glaubenssätzte durch gezieltes Erzeugen von Erfahrungen zu bestätigen. Das Unterbewusstsein scheut sich dabei auch nicht davor, in extremer Weise Fakten zu leugnen oder zu ignorieren, oder durch schwache Gegen-Fakten zu entkräften. 

Um diese Mechanismen bei sich selber zu durchschauen, was durchaus möglich ist, muss man bereit sein, sich selber, seine Reaktionen und die Kritik und Erfahrungen von Aussen neutral zu reflektieren. Und natürlich bereit sein, sein Weltbild zu öffnen.