Warum Parabeln und Metaphern so wertvoll sein können

28.05.2021 21:14 / Oliver Wittwer / 139
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Ich setze in meinen Texten sehr gerne Parabeln oder auch Metaphern ein. Mit diesen Stilmitteln kann man einen Sinnzusammenhang anhand eines oder mehreren Bildern erläutern, obwohl sie thematisch nichts mit der zu erklärenden Sache zu tun haben. 

In der Physik werden mathematische Formeln verwendet, um physikalische Zusammenhänge zu beschreiben. Mathematische Formeln bedienen sich Symbolen, meistens Buchstaben und Zahlen. Jeder, der Lesen und schreiben kann, kann die Symbole in Formeln als solche erkennen. Jedoch erschliesst sich ohne entsprechende Bildung den meisten Menschen kaum die Bedeutung einer Formel. Im Folgenden werde ich anhand der einfachen Formel für die potentielle Energie veranschaulichen, wie viele Stufen des Verständnisgrades es bei Formeln gibt: 

E = m g h

Mit dieser Formel lässt sich berechnen, wie die potentielle Energie E eines Objekts mit einer Masse m zunimmt, wenn man es um die Höhe h gegen die Schwerkraft g bewegt. Dies entspricht der Energie, die man auf das Objekt übertragen muss, um es entsprechend anzuheben. Diese Formel, also diese Buchstaben- und Zeichenfolge, wird von Menschen, abhängig von ihrem Bildungsgrad, unterschiedlich wahrgenommen. Man kann grob die folgenden 6 Stufen des Verständnisses unterscheiden: 

  • Stufe 1: Jemand erkennt in der Formel Buchstaben und Zahlen, er hat aber keine Ahnung, dass es sich um eine mathematische Formel handelt. 
  • Stufe 2: Jemand erkennt Buchstaben und Zahlen und weiss, dass es sich um eine Formel handeln muss, da diese mit einem Gleichheitszeichen verbunden sind. Die Bedeutung der Buchstaben und deren Zusammenhang sind jedoch nicht klar. 
  • Stufe 3: Man erinnert sich an diese Buchstaben- und Zeichenfolge aus dem Schulunterricht und weiss, dass es sich um die Formel für potentielle Energie handelt. Die Form und Buchstabenfolge der Formel sind also korrekt abgespeichert. Die Bedeutung der Buchstaben und deren Zusammenhang sind jedoch ebenfalls noch nicht klar. 
  • Stufe 4: Man kennt die Bedeutung der Buchstaben, zumindest des Wortes nach. Deren genauen Zusammenhang, und wieso sie so in der Formel angeordnet sind, ist jedoch nicht klar. 
  • Stufe 5: Man hat eine mentale Vorstellung von der Bedeutung der Buchstaben und weiss in etwa, wo und in welcher Form diese Begriffe im Alltag wirken. Man versteht beispielsweise, dass potentielle Energie eine einem Objekt innewohnende Eigenschaft ist, die auf unterschiedliche Weise zum Ausdruck kommen kann. Und dass diese Energie in andere Energieformen umgewandelt werden kann. Ein passendes Mentales Bild dieser Eigenschaft wäre zum Beispiel ein Flaschenzug, an dem ein Gewicht hängt. Wenn man die andere Seite loslässt, wird die Schwerkraft das Gewicht nach unten ziehen und die gespeicherte potentielle Energie in kinetische Energie umwandeln.  
  • Stufe 6: Jemand kennt die in der Formel verwendeten Konstanten und Variablen, deren Werte sowie Einheiten, und kann die Formel an realen Beispiel zur Anwendung bringen und das zu erwartende Resultat korrekt berechnen. 

Wir sehen, dass also erst bei Verständnisstufe 6 der volle Bedeutungszusammenhang dieser Formel verinnerlicht ist. Auch erst dann kann man sich ihres Zwecks bedienen, in diesem Fall das Berechnen von potentiellen Energien.  

Genauso verhält es sich bei Weisheiten und allgemein bei Wahrheiten: Sie können erst ihre Wirkung oder Nutzen entfalten, wenn sie vom Menschen auf der höchsten Stufe erkannt und ihre volle Bedeutung wahrgenommen werden.

Es passiert sehr schnell und leider sehr oft, dass jemand, der die oberen Stufen noch nie erlebt, d.h. auch nicht verstanden hat, seine Auffassung des eigenen Verständnisses für die "letzte Weisheit" hält. Es meint also, er würde über eine Sache vollständig Bescheid wissen. "Ich kenne dieses Zitat", oder "Das habe ich gelesen (und verstanden)", sind Aussagen, die man gerne mal zu hören bekommt. Doch ich bezweifle, dass in den meisten Fällen tatsächlich die letzte Stufe des Verständnisses erreicht wurde. 

Nun können wir den Nutzen von Parabeln und Metaphern betrachten: Wie oben beschrieben, setzen diese Stilformen unterschiedliche Dinge in einen Zusammenhang, obwohl kein direkter thematischer Zusammenhang besteht. Das Ziel ist es, anhand des verwendeten Bildes bestimmte Eigenschaften des zu beschreibenden Sachverhaltes zu beleuchten. Ein einfaches Beispiel, welches ich kürzlich gelesen habe, und das mich zum Schmunzeln angeregt hatte: 

"Eine Maske beim Betreten eines Restaurants zu tragen, nur um sich hinzusetzen und sie wieder abzusetzen? Das ist so sinnvoll wie eine Pinkelecke in einem Swimmingpool zu haben. "

Ich könnte Wetten, dass bei einer Diskussion, ob dieses kurzzeitige Anziehen der Maske sinnvoll sei, durchaus ernsthaft gemeinte Argumente zu erwarten sind. Jedoch bin ich mir auch sicher, dass diese Argumente in der Regel physikalisch nicht zu Ende Gedacht sein werden. Mit dem Bild des Pools wird jedem sofort klar, dass das verunreinigte Wasser nicht in der Ecke bleiben wird. Dieses Bild kann daher zum nachdenken anregen, ob vielleicht die Luft, die ich während ich mich zum Tisch bewege, sich anders verhält, als wenn ich am Tisch sitze. Man setzt sich also mit dem Aspekt der Fluiddynamik des Wassers und Urins im Pool auseinander - etwas, das den meisten Menschen intuitiv klar ist, und überträgt es auf die Fluiddynamik der Luft. 

Dieses Beispiel mag sehr kurz sein, aber es funktioniert sehr gut. In längeren Parabeln wird oft die tiefere Bedeutung nicht im Detail erklärt, und der Sinnzusammenhang erschliesst sich nicht immer von Alleine. Der Leser muss selber in das gegebene Bild eintauchen, die relevanten Aspekte herausschälen, und diese dann auf den zu erklärenden Sachverhalt oder das Thema übertragen. Dadurch wird einem einen neue Perspektive oder Sichtweise auf eine Sache vermittelt, respektive man nimmt selber diese Position ein. Der Erkenntnisgewinn einer solchen eigenen Betrachtung bewegt sich auf einer der letzten Stufen des Verstehens. 

Und genau darin sehe ich den hohen Wert dieser Stilmittel: Sie können einen direkt auf diese letzte Stufe katapultieren. Und zudem sind die Bilder oft sehr einprägsam, weshalb man sie zusammen mit der Erkenntnis nicht so schnell wieder vergisst.