Wenn Säuglinge bekennende Christen wären

05.05.2021 10:01 / Oliver Wittwer / 107
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Stellen wir uns für einmal vor, dass ein Säugling ein bekennender Christ wäre. Damit meine ich einen Lippenchrist, oder teilweise Lippenchrist, der sich strikt an die von seiner Kirche vorgegebenen Glaubenssätze oder Dogmen hält und sie mit voller Vehemenz verteidigt. Der schon den Gedanken daran, diese Glaubenssätze zu hinterfragen, wie der Teufel das Weihwasser scheut. Der sein Seelenheil und Lebensglück zum grössten Teil vom strikten konservieren und hochhalten dieser Glaubenssätze abhängig macht, respektive darauf baut. Ich spreche hier von Glaubenssätzen der folgenden Art: "Wir sind Sünder und werden es ewig bleiben. Nur Gott kann uns weiterbringen. Unser Glück hängt alleine von Gottes Gnade ab, selber können wir nichts beeinflussen. Alleine können wir nichts. Er tut alles für uns. Wir brauchen nur an ihn glauben, das alleine reicht um gerettet zu werden. Nur die Bibel ist die Wahrheit. Nur was die (z.B. katholische) Kirche als wahr anerkennt, ist wahr". 

Selbstverständlich ist ein unerschütterliches Vertrauen in Gott, sofern wahrhaftig gelebt, ein gutes Fundament. Falsch gelebtes Vertrauen in die Kirche kann jedoch genau das Gegenteil sein. Jeder soll und muss sich selber entscheiden, was für ihn richtig oder falsch ist. Dieser Text könnte jedoch ein Impuls sein, über die Konsequenzen seiner eigenen Glaubenssätze nachzudenken und sich über sie bewusst zu werden. Denn die Konsequenzen können gravierend für das eigene Leben und darüber hinaus sein. 

Also dieser Säugling ist fest davon überzeugt, dass er ohne Gott nichts kann und Gott alleine über sein Schicksal verfügt. Er wird also im Bettchen liegen bleiben und nur den Rosenkranz beten. Es wird Gott bitten, dass er ihm die Fähigkeit zum Laufen schenkt. Nach vielen Monaten des Betens und Bittens kann dieser Säugling immer noch nicht laufen. Ja nicht einmal krabbeln. Den gut gemeinten Rat seiner Eltern, es doch einfach mal mit Krabbeln zu probieren und vielleicht wiederholt zu üben, schlägt das kleine Kind jeweils dankend aus. Das will es nicht, schliesslich hätte es sich dann selber aus der Wiege erlöst. Und das ist ja laut Kirche verwerflich. 

Zudem begann das Kind schon sehr früh, fast alle Nahrung, die ihm von den Eltern angeboten wurden, abzulehnen. Alles gute Zureden der Eltern half nicht: Es ass nur den Bibelbrei in den wenigen verfügbaren Geschmacksrichtungen, Kirchenkanzelsuppe und Liturgie-Joghurt. Den Eltern blieb nichts anderes übrig, als dem Kind ausschliesslich diese beschränkte Auswahl an Nahrungsmitteln zu geben. Die Wirkung zeigte sich schon nach wenigen Monaten: Das Kind entwickelte die typischen Symptome einer einseitigen Ernährung. 

Nach drei Jahren verstarb es. Es hatte nie gelernt zu laufen und lag nur regungslos im Bettchen. Es lernte nie zu sprechen, denn auch das Üben empfand es als Gotteslästerung. 

Wenn wir diese Parabel auf unser Leben anwenden und es mit ihm in Bezug setzen, erkennen wir, dass wir selber als Kind wahre Meisterleistungen vollbracht haben: Wir haben gelernt zu laufen, perfekt zu sprechen und noch vieles mehr. Von Null auf Hundert. Selber und aus eigenem Antrieb. Die meisten Erwachsenen sind nicht einmal ansatzweise mehr in der Lage, eine solche Leistung zu vollbringen. Und sie zeigt uns, falls wir uns darauf einlassen, inwiefern wir diese Fähigkeiten in unserer geistigen und spirituellen sowie menschlichen Entwicklung nicht mehr einsetzen. 

Wenn wir uns in diese Fähigkeiten der Kinder hineinversetzen und ihr Wesen ergründen, bekommt der Satz "Werdet wie die Kinder" eine völlig neue Bedeutung. Sollten wir nicht die Eigenschaften der Kinder, die wir als Erwachsene verlernt und vergessen haben, wieder zurückerobern? Noch besser unseren Kindern gar nicht mehr erst abtrainieren? Eine unbändige Zielstrebigkeit, unbeeinflusst von kognitiven und fremdinduzierten Konzepten und Glaubenssätzen. Die Fähigkeit, sich selber treu zu sein. Nicht perfekt sein wollen und sich dadurch in seiner Entschlusskraft zu kastrieren. Den Mut, spielerisch und unvoreingenommen neue Dinge anzuschauen, zu erkunden und zu erfahren. An seine eigenen Fähigkeiten glauben und nicht zweifeln. Spielerisch und leicht mit Fehlschlägen umgehen und sie schnell als "Lernerfahrung" verdauen. 

Und was man dabei erkennen darf: Ein Kind besitzt diesen unerschütterlichen Glauben in sich selber, in das Leben und damit in Gott, ohne sich darüber Gedanken zu machen. Oder sollte man sagen, ohne ihn durch Gedanken kaputt zu machen? Solange, bis es die Eltern und die Gesellschaft es schaffen, dem Kind schwächende und kompromittierende Gedanken einzuflössen. 

Nun kann jeder für sich selber über den folgenden Satz nachdenken und ihn in Form einer Parabel mit dem irdischen Leben und den darin wirkenden Gesetzmässigkeiten in Beziehung setzen: "Ihr seid Kinder Gottes".